© 2012 Mel Wickingerschmaus

Mamamarketing 2.0: Wikingerschmaus

Kinder sind seltsame Wesen. Sie akzeptieren freudig Süßigkeiten in allen möglichen (und unmöglichen) Farben, Formen und „Geschmacksrichtungen”, neigen aber zu hysterische Anfällen, wenn sich mehr als zwei Farben in einer normalen Mahlzeit zeigen. Ich habe von Kindern im Bekanntenkreis gehört, die durchdrehten, wenn Erbsen und Möhren gemischt auf dem Teller lagen und erst in der Lage waren zu essen, wenn alle Komponenten säuberlich getrennt zur Verfügung gestellt wurden. „Eiderdaus”, urteilt man da als kinderloser Unbeteiligter, „was für verzogene Gören”. „Arme Eltern” bemitleidet man die Erziehungsberechtigten aus eigener Erfahrung.

Dieses Verhalten hat nämlich nicht immer nur mit übersteigertem Trotz und Eigensinn der Kinder oder „Versagen” der Erziehungsberechtigten zu tun. Kinder begreifen Essen sehr lange ganz anders als Erwachsene. Oftmals überfordert es sie, den Geschmack von verschiedenen Zutaten zusammen zu verarbeiten. Sie essen dann lieber nacheinander. Erst die Kartoffeln, dann das Fleisch, zum Schluss die Möhren. Daher lieben sie auch Speisen, die einen neutralen Grundgeschmack und nur einen eindimensionalen Zusatz haben: Nudeln mit Tomatensoße, Pommes mit Ketchup, Kartoffeln mit Quark, Brot mit Käse, Toast mit Marmelade. Alles keine Dinge, bei denen man als Elternteil ernährungstechnisch vor Glück zusammenbricht, die dafür geschmacklich aber eindeutig und unkompliziert sind – und nur zwei Farben aufweisen. So sieht´s aus.

Glücklicherweise sind die kleinen Racker aber auch unheimlich verspielt und unterhaltungsaffin. Und so kann man sie kriegen – zumindest ab und an. Bevor man sich bei jeder Mahlzeit auf enervierende Kämpfe einlässt und damit die Ruhe bei Tisch für Jahre aufgibt, kann man dann und wann zu kleinen Tricks greifen. Mamamarketing 2.0: Entweder richtet man das Essen optisch spannend an (Beispiele findet Ihr unter anderem hier, hier und hier oder da) oder denkt sich für profane Speisen einfach tolle Namen aus. Beide Ansätze klappen astrein.

Ein voller Erfolg wurde bei uns zum Beispiel der Wikingerschmaus. Als das Kind ungefähr drei Jahre alt war, hatte er sich urplötzlich in den Kopf gesetzt, kein Gemüse mehr zu mögen. Wir führten unentwegt kontroverse Essens-Diskussionen. Das Kind bekam Schnappatmung, wenn man auch nur ein Löffelchen Gemüse auf seinem Teller geben wollte. Und dann kam mir an einem Sonntag der entscheidende Gedanke: Ich habe Frikadellen mit Erbsen, Möhren und Sauce einfach zusammengemischt und unter etwas geheimnisvollem Getue in einer großen Schüssel serviert. „Was ist das?” fragte das Kind mürrisch. „Das ist Wikingerschmaus” frohlockte ich. Das Kind riss die Augen weit auf. „Wikingerschmaus wie bei den echten Wikingern von Hey-Hey-Wickie?”. „Genau.” Das Kind war überaus beeindruckt und hat seinen Teller ratzeputze leer gegessen. Das nenne ich erfolgreiches Marketing.

Das ganze hat sich bis heute gehalten: Es gibt immernoch hin und wieder sonntags Wikingerschmaus. Und inzwischen kochen wir das Lieblingsgericht auch zusammen. Seit das Kind sein neues niedliches Kindermesser Hund bekommen hat, ist er kaum noch zu halten und zerlegt Möhren gleich kiloweise (und den Wohnzimmertisch gleich dazu, wenn ich nicht einschreite). Wir lieben Hund mit seinem kleinen Bommelschwanz sehr!

Erst werden fleißig Möhren geschnippelt, dann klingelt es an der Tür. Der Nachbarsjunge will im Garten Fußball spielen. Da hat Hund mal Pause. Während unten im Garten ein bißchen gekickt wird, prutschelt Mama schnell das Essen fertig.

Alle Wikinger zum Essenfassen!

Und so geht´s für 3 – 4 kleine Wikinger:

5 Möhren und  1 Kohlrabi schälen und in mundgerechte Stücke schneiden. 1 große Zwiebel pellen, hacken und in 1 TL Butterschmalz oder Öl in einem großen Topf anbräunen. 2 EL Tomatenmark dazu geben und kurz mitrösten. Die Gemüsewürfel ebenfalls in den Topf geben, knapp mit Wasser bedecken und mit 2 TL Salz würzen. Zum Kochen bringen und auf kleine Stufe 10 Minuten köcheln lassen. Dann 100 g TK-Erbsen, 2 EL Sojasoße und 1 Schuss Sahne unterrühren und 3 Minuten weiter köcheln. Eventuell mit etwas Kuzu oder Speisestärke nach Geschmack binden.

Unterdesssen 250 g Rinderhack mit 3 EL Semmelbrösel, 1 Ei, Salz, Pfeffer und 2 Prisen Muskatnuss verkneten und kleine Bällchen formen. Eine Pfanne erhitzen und die Bällchen bei starker Hitze runderum anbraten, bis sie braun sind. In den Topf mit dem Gemüse geben und ein paar Minuten ziehen lassen.

Mit Salzkartoffeln oder Brot servieren.

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20 Comments

  1. Posted 4. Juni 2012 at 14:57 | #

    Hätte ich das gewusst … aber Du hast mir “nur” Wurstgulasch angeboten …

    • Posted 4. Juni 2012 at 20:58 | #

      Gäibi, vielleicht hätte ich erwähnen sollen, dass es eine Flasche Rosé dazu gibt? Kleiner Scherz ;-)

  2. Posted 4. Juni 2012 at 15:13 | #

    Lieblingssatz des Tages: “Glücklicherweise sind die kleinen Racker aber auch unheimlich verspielt und unterhaltungsaffin.” Ich habe zwar noch keine Kinder, werde mir das aber für die Zukunft merken ;)! Und sorry, Erbsen könntest du mir selbst unter noch so einem tollen Namen nicht unterjubeln. Und das auch mit über 30 noch nicht… Ich gehöre zu den Unverbesserlichen :)!

  3. Posted 4. Juni 2012 at 15:29 | #

    Warum Kinder ihr Essen immer trennen wusste ich bis dato nicht, danke dir dafür, ein wirklich interessanter Artikel :)

  4. Posted 4. Juni 2012 at 16:23 | #

    Was für 3-4 kleine Wikinger reicht, ist genau die richtige Portion für einen großen Wikinger wie mich ;)
    Zur Stärkung für die nächste Meuterei genau das Richtige.

    • Posted 4. Juni 2012 at 18:10 | #

      Hau rein! ;-)

  5. Nicole
    Posted 4. Juni 2012 at 17:46 | #

    Liebe Mel, das Rezept wandert mit den anderen Kindertellern im Archiv, um es dann beizeiten hervorzuholen. Danke dir dafür – und so in 3 Jahren kommt dann der Erfahrungsbericht :)

    • Posted 4. Juni 2012 at 18:09 | #

      Hallo Nicole, davor kommt ja noch eine Menge anderer spannender Sachen. Damals hatte ich nur den Blog noch nicht, sonst würde es dazu auch stimmungsvolle Erfahrungsberichte geben … ;-) Aber ein guter Rat für werdende Mütter: DU SOLLST EINEN FLÄSCHCHENWÄRMER KAUFEN (auch wenn Du stillst). Liebe Grüße! Mel.

      • Nicole
        Posted 6. Juni 2012 at 19:54 | #

        Danke dir liebe Mel! :)

  6. Posted 4. Juni 2012 at 18:18 | #

    Auch als Nicht-Mama kann ich dem Wkingerteller sehr viel abgewinnen. Und dem Hundemesser erst;-)….

    • Posted 4. Juni 2012 at 18:31 | #

      Hallo Alex, Flamingostäbchen, Hundemesser … ach, wir müssen einfach anbauen ;-)

  7. Posted 4. Juni 2012 at 18:55 | #

    Si, doch, ja, so geht erfolgreiches Marketing
    plus vorblidliche Anleitung zur Kinderarbeit – dank Hund :)!

  8. Kasumbine
    Posted 14. Juni 2012 at 17:23 | #

    Das gab es heute Mittag für meine Jungs, in der angegebenen Menge. Ergebnis: Schüssel leer, ganz leer! Die beiden Wikinger sind 15 und 9.
    So konnte ich leider nicht mehr naschen, als ich nach Hause kam….

    • Posted 14. Juni 2012 at 17:31 | #

      Kasumbine, mein Wikinger ist erst 6. Da reicht es noch für 3 – 4 ;-)) Ich hoffe, Deine Jungs sind trotzdem satt und zufrieden gewesen! Liebe Grüße! Mel.

      • Kasumbine
        Posted 19. Juni 2012 at 22:02 | #

        Sie waren hoch zufrieden, und für die beiden war es ja auch ausreichend!!!
        Ich koche es nächste Woche einfach noch einmal!

        • Kasumbine
          Posted 19. Juni 2012 at 22:09 | #

          Ach, was ich noch vergessen habe: 15 jährige Wikinger haben übrigens keinen Magen mehr. Der verschwindet. An sein Stelle tritt ein Loch, ein sehr sehr großes Loch…..

  9. Andreas
    Posted 19. Juni 2012 at 11:32 | #

    Hi Mel,
    wir haben das Rezept jetzt auch mal probiert und sowohl der Kleine (2 Jahre) als auch der Papa fanden es ganz fantastisch ;-)
    Liebe Grüße,
    Andreas

    • Posted 19. Juni 2012 at 12:18 | #

      Hallo Andreas, damit seid Ihr dann offiziell in den Wikinger-Club aufgenommen ;-) Ich freue mich und hoffe, Euch geht es prima! Liebe Grüße, Mel.

  10. Posted 21. September 2012 at 12:26 | #

    Ich denke, wir werden dieses Rezept am Wochenende ausprobieren. Es liest sich sehr lecker und was für kleine Wikinger gut ist, kann einem großen nicht schaden. Mein Mann wird sich freuen. :-)

One Trackback

  1. By Wikingerschmaus … on 3. Februar 2013 at 13:21

    [...] Das Kind machte sich nach dem ersten Bissen ein Brot, ergo Rezept beim Nachwuchs durchgefallen *grmpf* … es ist wirklich nicht einfach für einen pubertierenden Teenager etwas ausserhalb von Pizza, Pommes und Co. zu kochen. Wir Grossen hingegen verputzen unsere Portion und teilten den Inhalt vom Nachwuchs noch auf. Sehr lecker und wer es nachkochen möchte der findet das Rezept nebst herrlicher persönlicher Information bei Gourmet Guerilla. [...]

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