Wie die Foodblogger es eben so treiben. Von Foodfotografie, Illusionen und Hoffnungen.

Lieber Herr Buddenbohm,

dass ich heute morgen schon viel Spaß im Bett hatte, ist eindeutig auf Sie zurückzuführen. Oder vielmehr auf Ihr kleines literarisches Sittengemälde mit Kürbissuppe. Weil ich nämlich gegen 6:50 Uhr ganz und gar nicht sicher war, ob es tatsächlich machbar sein würde, in irgendwie angemessener Zeit das Bett zu verlassen, suchte ich Hilfe und Beistand bei meinem SmartPhone. Würde die Welt da draussen etwas bereithalten, für das ich aufstehen könnte? Die Welt (oder der Facebook Newsfeed-Algorithmus) meinte es erfreulich gut mit mir, denn auf meinem Handy-Display erschien Ihr Artikel. Ich las und beömmelte mich.

Sie schreiben über die Zubereitung eines Rezeptes aus diesem Buch im eher unfreiwilligen Kreis Ihrer Lieben. Über das Buch möchte ich auch ganz bald ganz viel schreiben. Aber zunächst zu etwas auch ganz Schönem: Illusionen. Oder besser: geteilte Illusionen.

Ich glaube nämlich ebenfalls sehr fest daran, dass jeder einzelne Foodblogger da draussen ein überaus geordnetes Fotoleben führt. Nur ich nicht. Während überall zweimeterfünfziglange Eichentische mit grandioser Patina in den lichtdurchfluteten Räumen stehen, klemme ich verkrümmt  in meiner schuhkartongroßen Küche und knippse mein Essen. Ohne Familiensilber. Dafür aber mit einem Tageslicht, das, von den rechts und links stehenden wunderschönen Altbauten gebrochen, überhaupt nicht wunderschön in meine Küche fällt. Ich bin auch sicher, dass alle anderen da draussen existierenden Foodblogger-Söhne (die Anzahl und Nummerierung mag variieren) niemals genau dann in die Küche gehüpft kommen, wenn man nach minutenlanger Arbeit mit Hilfe einer Blumenvasen-Konservendosen-Nudelpackung-Pyramide endlich erfolgreich Reflektor I gegen den an der Tischkante klemmenden Fotohintergrund gelehnt hat. Holzfußböden schwingen. Besonders unter Hüpfen. Das Universum meint es bestimmt gut mit mir, da es mich so reichlich meine Selbstbeherrschung trainieren lässt. Man wächst ja mit den Herausforderungen. Hin und wieder. Ins Essen gekippte Reflektoren sind allerdings immer ein Familienhighlight, finden Sie nicht?

Aber es ist auch nicht alles schlecht. Immerhin wird meine Körperbeherrschung recht positiv durch Foodfotografie beeinflusst. Wenn man nämlich – zum Beispiel – auf einem Bein balancierend, die Kante der Arbeitsplatte schmerzhaft zwischen die 4. und 5. Rippe gepresst, endlich den Winkel für das perfekte Foto gefunden hat. Das ist bestimmt ganz toll für den Beckenboden. Dann darf man nur nicht mehr atmen, da das Licht leider gerade schlechter geworden ist und sich die Belichtungszeit der Kamera auf 1/30 erhöht hat. Es ist wie es ist. Photoshop wird es hinterher hoffentlich richten. Auch so eine Illusion.

Beim Hören von schöner Musik während des Schöpfungsaktes „köstliche Nahrung/schicke Fotos” sollte man auch eher kompromissbereit sein. Ich sage Ihnen das ganz offen. Da sich die Hilfe meines Sohnes beim Kochen einige Jahre lang meist auf das Trommeln auf unserem umgedrehten Pastatopf beschränkte, bin ich in dieser Hinsicht schon fortgeschritten.

Apropos fortgeschritten: Irgendwann wird es auch bei mir soweit sein. Dann werde ich in meiner perfekt aufgeräumten Wohnküche an dem langen Eichentisch aus der Gründerzeit Teig kneten. Dabei habe ich ein entspanntes Lächeln auf den Lippen. Zum Beispiel. Außerdem trage ich nicht ein total versautes Bürokleid (weil ich in dem Chaos die Schürze mal wieder nicht gefunden habe), sondern etwas Angemessenes, Schönes, Blütenreines. Im Hintergrund läuft ein spannendes Hörspiel meiner Wahl – warum nicht etwas mit Ms. Marple oder dem guten alten Hercule? – während die Sonne durch die großen, frisch geputzten Fenster sanft hereinscheint. Dann lege ich den Teig auf ein riesiges, sauberes Blech und schiebe ihn in den auf Hüfthöhe eingebauten AEG-Mutlifunktions-Dampfgar-Backofen. Mein Sohn kommt artig und gemessenen Schrittes in die Küche und zeigt mir seine Klassenarbeit in Mathe. Natürlich eine glatte 1. Und während er die Küche wieder verlässt, um für sein Lieblingsfach Altgriechisch Vokabeln zu lernen, trete ich mit einem perfekt gekühlten Glas Rosé aus unserem Weinkühlschrank in den Fotobereich der Wohnküche. Ich hole ein paar der Props aus dem riesigen, an der langen Wand stehenden Shabby-Chic-Regal und platziere sie auf der ausgeleuchteten Fotofläche. Beim Überlegen, welches der alten Treibholzbretter der perfekte Untergrund für mein Motiv sein könnte, schweift mein Blick in den Garten zur üppig bewachsenen Kräuterspirale …

Nein, lieber Herr Buddenbohm, ich gebe die Hoffnung nicht auf.

Herzlichst

Ihre Mel.

 

 

 

 

33 Comments

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.