Gedanken zum Besser-Essen. Heute: Qualität

Wenn wir ehrlich sind, haben wir doch ein etwas verqueres Verständnis von der Qualität unseres Essens entwickelt. Gemüse, das nicht vollkommen makellos ist, bleibt in den Regalen der Supermärkte liegen und wird abends weggeworfen. Eine kleine braune Stelle an einem Apfel löst Ekel aus. Jeden Tag gelangen Tonnen von Lebensmitteln erst gar nicht in den Handel, da sie nicht der EU-Norm entsprechen, also zu groß, zu klein, nicht lang oder rund genug sind. Oder einfach farblich unterschiedlich aussehen. Qualität bedeutet häufig eine tadellose, einheitliche Optik gepaart mit einem völlig überzogenen Frischeanspruch. Und irgendwie machen wir da ja auch alle mit. Über Jahre wurden wir dahin erzogen, nur das Beste zu wollen – und zu kaufen. Natürlich kaufe ich persönlich auch nicht aus der Masse der Äpfel den einen, der eine braune Stelle hat. Das wäre ja auch mehr als merkwürdig. Aber irgendwie tauchen braune Stellen (außer im Bioladen) auch einfach nicht auf.

Aus dieser sehr elitären Konsumhaltung „perfekt oder gar nicht“ hat sich inzwischen eine ganze Gegen-Bewegung entwickelt, das sogenannte Containering oder Containern. Meist im Schutze der Dunkelheit holen die Containerer aus den Mülltonnen der Lebensmittelläden die weggeworfenen aber absolut essbaren Dinge. Nicht immer nur weil sie arm oder bedürftig sind, sondern meist aus ethischem Prinzip und politischer Überzeugung. Mit dem Entnehmen von Lebensmitteln aus Müllcontainern bewegen sie sich aber tatsächlich in einer rechtlichen Grauzone und riskieren sogar Anzeigen wegen Diebstahls inkl. Gerichtsverfahren. Die Verfahren werden zwar häufig wegen Nichtigkeit eingestellt, aber hin und wieder werden an den Containerern auch Exempel statuiert und hohe Geldstrafen verhängt.

Aber wie sieht es mit unserem Qualitäts-Anspruch dann nun wirklich aus? Wir kaufen scheinbar Qualität in Reinkultur bei Fleischprodukten, die mit einem Minimum an Fleisch auskommen, Joghurts, die keine Frucht enthalten, Suppen, deren Liste der Zusatzstoffe so lang ist wie das deutsche Steuerrecht und einer Menge „Lebensmitteln“, die im Labor konstruiert wurden. Alles premium, gütebesiegelt, frisch zubereitet und sonstwie benannt und ausgezeichnet. Dazu Tomaten, die nach 4 Wochen in der heimischen Obstschale immernoch prall und frisch aussehen. Alles optisch einwandfrei und stets frisch, da ewig haltbar. Wir alle wissen, dass Nahrung so eigentlich nicht funktionieren kann. Tut sie aber. Darf sie das aber auch? Natürlich ist es praktisch, wenn das pannierte Schnitzel Wiener Art in der Vakuumverpackung 4 Wochen haltbar ist.

Aber ist das die Qualität, die wir wirklich wollen und erwarten, wenn wir Nahrung einkaufen? Schließlich hat nicht jeder von uns einen Nutzgarten vor der Tür, der im Sommer Gemüse liefert, von dem wir genau wissen, was wir gegen die Schnecken draugekippt haben. Wir müssen uns auf diejenigen verlassen, die die Nahrung für uns herstellen und verarbeiten. Der Deutsche Staat sieht umfangreiche Kontrollen der Lebensmittel vor. Ist man damit dann auch auf der sicheren Seite? Leider nein. Die Regularien des Deutschen Lebensmittelrechtes (und anverwandten Gesetzen) treiben seltsame Stilblüten. Ein speziell für Kinder ausgewiesenes Produkt kann zum größten Teil aus Fett sowie raffiniertem Zucker bestehen und trotzdem als – vermeintlich „gesunde“ – kleine Milchmahlzeit angepriesen werden (ich erinnere mich in diesem Zusammenhang auch immernoch gern an den Babybrei ab 3 Monate „Stracciatella-Geschmack“, den ich einst ungläubig im Babynahrung-Regal fand.) Dagegen darf die einzig wirklich frische Milch, die in Deutschland NICHT industriell behandelt wird, aber nicht „Frische Milch“ heißen. Dafür mag es bestimmt einen guten Grund geben (den ich aber nicht verstehe).

Was ist also Qualität?

Dazu fällt mir immer Thilo Bode ein, der in seinem Buch „Die Essens Fälscher“ drei einfache Regeln von Michael Pollmann benennt, um Ernährungsprobleme nachhaltig zu lösen:

1. Man sollte nichts essen, was die eigene Großmutter nicht als Essen erkannt hätte.

2. Man sollte nichts kaufen, was mehr als fünf Inhaltsstoffe hat.

3. Man sollte ebenfalls nichts kaufen, das Stoffe enthält, die ein normaler Mensch nicht im Kühlschrank hat.

Ich finde, das ist ein brauchbarer erster Ansatz, um über die Qualität unserer Lebensmittel und den Qualitäts-Anspruch an die eigene Nahrung nachzudenken. Außerdem sollte sich jeder selbst die Frage stellen, ob er/sie Schlangengurken braucht, die alle gleich aussehen. Was ist so schlimm an einer „krummen Gurke“? Ist einem die braune Stelle an einem Apfel wirklich so widerlich, dass man dafür die tägliche Dosis Pestizide und Überzugsmittel nicht nur in Kauf nimmt sondern auch gleich in Massen ißt?

Nahrungsmittelherstellung ist ein Geschäft. Und wie in jedem Geschäft geht es dabei natürlich um Gewinnmaximierung. Bei Tim Mälzer las ich letztens, dass man für die Herstellung von 100 km Himbeerjoghurt Himbeeren im Wert von 30,- Euro benötigt. Das klingt nicht besonders viel. Wenn man dann aber erfährt, dass die benötigte Menge Himbeeraroma für 100 kg Joghurt 6 Cent kostet, versteht man, dass nie mehr als die gesetzlich vorgeschriebene 1/2 Himbeere im Joghurt landen wird.

Da ist also unsere bewusste und mündige Kaufentscheidung gefragt. Etikettenlesen hilft immer. Wenn sich die Zutaten auf dem Etikett lesen, wie die Inhaltsangabe des Chemiebaukastens, den Du in der Grundschule immer haben wolltest: Lass die Finger davon. Und schau dir Louis de Funes prophetischen Film „Brust oder Keule“ an.

Wenn Du weißt, was Qualität für Dich beudeutet, was Du von einem Nahrungsmittel erwartest, das Du täglich zu Dir nimmst, wenn der schöne Schein der Verpackung und blumigen Marketing-Begrifflichkeiten für Dich nicht mehr zählen, dann weiß Du auch, welche Nahrungsmitttel Dich jeden Tag besser essen lassen.

Viva GourmetGuerilla.