GourmetGuerilla Küchenfliesen

Tschüss Erdkorn. Danke für die letzten 7 Jahre.

GourmetGuerilla KüchenfliesenIch habe einen Aua-Zeh. Und zwar seit zwei Wochen. Am Anfang habe ich das ganze ordungsgemäß ignoriert, habe den Fuß jeden Morgen in die bürotauglichen Stiefelchen gezwängt und habe die Dinge getan, die zu tun waren. Bis ich letzen Mittwoch nach einer langen Arbeitsnacht und einem 14 Stunden Tag mit Filmdreh beim Kunden endlich mal wieder den Stiefel auszog und dachte „Hossa … lustige Farben. Aber was machen die an meinem Zeh? Die gehören doch eher auf Ostereier??!?“ Keine weiteren Details – das gehört sich nicht für einen Foodblog.

Der Arzt am Donnerstag zog eine Augenbraue hoch und wir konnten uns dann doch gütlich einigen, vor Weihnachten keine Operationen anzuberaumen und das ganze mit Ruhe, Verband, Bändern und Cremes zu versuchen. Immerhin kamen ja Mama und Schwiegermama am Freitag angereist. Also habe ich dieses Weihnachtsfest zwangsentschleunigt im Kreise der Familie auf der Couch verbracht. Den rechten Fuß immer schön in der Badeschüssel festgetackert.

Der tollste Mann von allen brachte alle Lebensmittel bei, die ich ihm aufs iPhone diktierte. Und trotz absolut unaufwendiger Menüfolgen ohne lange Stehzeiten in der Küche, hatten alle Spaß und fühlten sich gut versorgt. Danke Zeh, ich habe etwas für die nächsten Weihnachtsfeste gelernt.

Heute ist dann der erste Tag, an dem ich mich traue, einen großzügig geschnittenen Schuh laaaangsam über den rechten Fuß zu ziehen und mich auf ein kurzes Luftschnappen nach draußen zu begeben. Ich dachte, der Erdkorn um die Ecke (der Bio-Supermakt meines Vertrauens) sei ein angemessenes Ziel. Immerhin hatte ich in einem Weihnachtsgeschenk vom Mann ein überaus spannendes Rezept für Chili-Schokoladen-Mole gelesen. Dafür fehlen mit noch zwei bis drei Zutaten. Mit dem Lieblings-Einkaufsbeutel bewaffnet humpele ich also ums Eck.

Aber ach! Große Plakate erwarten mich an den Eingangstüren. Heute ist der letzte Tag vom Erdkorn im Rentzelcenter. Der Mietvertrag ist gekündigt worden. Der Vermieter hat sich dafür entschieden, im nächten Jahr einer Bio-Supermarktkette aus dem Süden den Vorzug und den Mietvertrag zu geben. Der Erdkorn mit seiner regionalen Ausrichtung muss gehen.

Ich werde sentimental. Seit ich mit meinem schwangerem Bauch und ohne Blick auf meine eigenen Füße in dieses Viertel zum Mann gezogen bin, kaufe ich hier ein. Ich habe mindestens zwei Sortimentsumstellungen mitgemacht, habe den Magier hinter der Käsetheke und den langhaarigen Typen an der Kasse sehr liebgewonnen. Blind kann ich mich in den Gängen zurechtfinden, habe hier Babybrei gekauft und die TK-Kötbullar probiert, natürliches Raumparfum sowie Tacos ohne Zusatzstoffe gefunden, Blaubeer-Stilton entdeckt, Sojamilch erworben, Schwarzen Rettich ausgetrüffelt, Bio-Maracuja geshoppt und (fast) jeden Wein in den Regalen probiert.

Kurz zuckt es um meine Mundwinkel. Ich hasse Veränderungen! Zumindest derartige in meinem direkten Zubringer-Umfeld. Ich bin traurig und gehe ein letztes Mal an den Regalen vorbei. Ich müsste unbedingt mal wieder das vegetarische Gyros mit Tsaziki und Reis machen. Dann denke ich an die Angestellten, die nun vermutlich ohne Job in das nächste Jahr gehen. Während ich noch etwas verloren vor der Joghurtkühlung rumlümmele, tragen zwei Mitarbeiter die ersten Regale aus dem Laden. Jetzt wird es Zeit, zu gehen. Ich eile mit Hinkebein zur Käsetheke und verabschiede mich von dem besten Käseberater von allen. Er erzählt mir, dass er zunächst in einer anderen Filiale eingesetzt wird. Aber man sucht ein neues Ladenlokal im Viertel.

Ich bezahle an der Kasse, sage dem Langhaarigen Tschüß und beschließe bei vorgeschobener Unterlippe für mich, dass ich auf keinen Fall bei dem Nachfolge-Supermarkt kaufen werden. Denn die sind bestimmt total doof. Pöööh!

Tschüß Erdkorn. Und Danke für die letzten 7 Jahre. Ich werde Dich vermissen.