Ich, sie und der Martini = eine amerikanische Ehe

Drink Tank Kolumne | GourmetGuerilla.deAls Mann einer begnadeten Köchin hat man es schwer, niemand weiß das besser als ich. Obwohl ich selbst nach mehr als zwanzig Jahren immer noch auf die Kochanleitung auf der Miracoli-Packung angewiesen bin, esse ich fast jeden Abend Gerichte, auf denen Fernsehköche eine lukrative Karriere aufbauen würden. Ich weiß jetzt, dass es kein Mett-Tier gibt und kann schlafwandlerisch den Zuschnitt von Rump-, Porterhouse- und Filet-Steak unterscheiden. Exotischen Gemüsen, Wurzeln und anderen Pflanzenteilen, die ich früher als ungenießbares Holz klassifiziert hätte, trete ich heute ganz selbstsicher entgegen. „Topinambur, mein häßlicher Freund, du tarnst dich gut, aber es hilft dir nichts. Du wirst gegessen!“

Also alles wunderbar? Mitnichten, denn wer einmal bei der Herstellung eines Parmesan-Körbchens zugesehen hat, kennt die Stimme, die nagend fragt: „Und was gibst du zurück? Was ist dein Beitrag?“ Jeder muss das nach seiner Natur entscheiden, für mich lautete die Antwort daher: Alkohol. Und zwar nicht als Krötenpfuhler Kannisterschnecke, sondern in seiner höchsten Form, als Cocktail, Longdrink, Aperitif, Digestif, Sundowner, Pickmeup oder Shooter. Wie ein Alchemist sammle ich Ingredienzien und Rezepte, immer auf der Suche nach dem perfekten Drink für jeden Anlass. Und wenn meine geliebte Köchin abends etwas lauter singt und morgens (selten) etwas gedämpfter ins Badezimmer schleicht, weiß ich: Eine perfekte Risotto-Welle werde ich nie produzieren, aber meine Margeritas haben ihre eigene Magie.

Der Martini – wie war dein Tag, Darling?

Die Köchin liebt Martinis und ich kann ihr nur zustimmen: Kein anderer Drink lässt einen so elegant in den Abend gleiten. Ein Freund nannte die Dreierbeziehung zwischen mir, ihr und dem Martini mal „eine amerikanische Ehe“ – und er hat recht: Beim Anblick des Glases mit der Olive drin denkt man sofort an Frank Sinatra, Sammy Davis Jr. und Doris Day, die ihren gestressten Rock Hudson daheim mit einem Martini empfängt. Dass ich in dieser Konstellation die Doris Day bin, habe ich schulterzuckend akzeptiert. Was ich hingegen nicht akzeptieren kann, ist der Trend zu immer „trockeneren“ Martinis. Ein Martini ohne einen gewissen Anteil Wermut ist bloß eiskalter Gin. Das kann seinen eigenen Reiz haben, ist aber auf Dauer dem Lebenswillen nicht zuträglich. Entgegen der Standardrezepte würde ich „trocken“ also folgendermaßen definieren:

Dry Martini
5 cl Gin
2 cl trockener Wermut
Garnieren mit Olive

Aber sogar ein  4:3 Verhältnis findet viele Freunde, sogar unter eingeschworenen Super-Dry-Trinkern. Man darf es ihnen nur nicht vorher erzählen. Sehr interessant ist darüber hinaus der:

Perfect Martini
6 cl Gin
1 cl trockener Wermut
1 cl süßer Wermut
Garnieren mit Zitronenzeste (keine Olive)

Einer der hingebungsvollsten und gleichzeitig schlechtesten Mixologen war übrigens  Franklin D. Roosevelt, amerikanischer Präsident von 1933 bis 1945. Wahrscheinlich hätte der Zweite Weltkrieg ein bis zwei Jahre früher beendet werden können, wenn Mr. President seine Mitarbeiter nicht immer mit absurd kalten und zu starken Martinis außer Gefecht gesetzt hätte. Zu seinen Spezialitäten gehörte außerdem ein extrem trockener Martini, den er zusätzlich mit einigen Spritzern Absinth anreicherte. Dieses Rezept werde ich im Ruhestand ausprobieren, wenn ein funktionierendes Sprachzentrum nicht mehr zwingend erforderlich ist. Mit einer anderen Variante hat Roosevelt aber einen echten Klassiker kreiert:

Dirty Martini
5 cl Gin
2 cl trockener Wermut
Spritzer Lake aus dem Olivenglas
Garnieren mit Olive

Wenn man nicht gerade beim BND, CIA oder MI6 arbeitet, wird ein Martini folgendermaßen zubereitet: Alle Zutaten in ein großes Glas geben, mit Eiswüfeln vorsichtig aber bestimmt rühren und in ein Martiniglas abseihen. Das berühmte „Schütteln“ hat demgegenüber folgende Effekte: 1. der Drink wird trübe, 2. er wird noch wesentlich kälter und 3. der Gin wird „bruised“ (angeschlagen), die enthaltenen Aldehyde reagieren mit Sauerstoff und das führt zu einem „bissigeren“ Geschmack.

Da die Zutaten sich in einem Martini nicht hinter Säften oder ähnlichem verstecken können, ist die  Qualität der Spirituosen entscheidend. Gin ist gerade „in“ und wird in unterschiedlichsten Qualitäten und Preisklassen angeboten. Mit Bombay Sapphire, Hendrick´s, Tanqueray oder auch Finsbury Silver Platinum erzielt man aber auf jeden Fall sehr trinkbare Ergebnisse. Statt dem überaus beliebten London-Gin sollte man auch mal Plymouth-Gin probieren, der einen deutlich „erdigeren“ Charakter hat und der Favorit von Winston Churchill war. Beim trockenen Wermut ist immer Noilly Prat zu bevorzugen, als süßer Wermut für den Perfect Martini bietet sich zum Beispiel Cinzano Bianco an. Die Olive sollte grün, mit Stein und in Lake (nicht Öl) eingelegt sein, für Paprikafüllungen gibt es Abzüge. Dass der Martini ein sehr alkoholischer Cocktail ist, lässt sich anhand der begrenzten Zutatenliste schnell erkennen. Statt der üblichen Warnungen also zum Schluß ein Gedicht von Dorothy Parker:

Ich trinke gern Martinis,
doch zwei sind genug serviert,
nach dreien lieg ich unter dem  Tisch
und nach vieren unter dem Wirt.

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