Das grausame Märchen von der mangelnden Bewegung

Gerade bin ich in einem interessanten Artikel von foodwatch mal wieder über eine meiner Liebling-Un-Thesen gestolplert. Da ging mir sofort das gedankliche Messer in der Tasche auf und erinnerte mich daran, dass ich zu dem Thema schon längst einmal etwas schreiben wollte. Aber es könnte etwas länger werden. Also dann:

Eigentlich beschäftigt sich besagter Artikel von foodwatch mit dem häufig nur vorgeschützten sozialen oder ökologischen Engagement der Großkonzerne. Da wird z.B. ein Joghurt teurer verkauft, weil der Becher aus Maisstärke ist und so umweltverträglicher produziert sowie besser recycelbar sein soll. Leider wird der Becher überhaupt nicht recycelt und niemand weiß, welcher Genmais in dem Becher steckt oder welche Pestizide beim Anbau eingesetzt wurden. Aber die Industrie hat halt erkannt, dass immer mehr Verbraucher Wert auf nachhaltige und ökoligisch-korrekte Herstellung legen und davon möchte man sich gern hier und da ein profitables Scheibchen abschneiden. Schlimm, aber es kommt noch schlimmer:

Im vorletzten Abschnitt des Artikels wird der Bogen dann noch etwas weiter gespannt. Unter dem Stichwort „Scheinheiliges Marketing“ geht es um den Konzern Ferrero, der sich stark für Sport- und Bewegungsprogramme für Kinder engagiert, die Rezepturen sowie die Vermarktung seiner Produkte aber unverändert bestehen lässt und so weiterhin Tonnen von Zucker an Kinder verfüttert:

„Mit prominenten Partnern wie dem Deutschen Fußballbund sponsert der Konzern Sportprojekte für Kinder. Ferrero inszeniert sich so als Unterstützer eines gesunden Lebensstils. Dabei ist der Süßwarenhersteller mitverantwortlich für das zunehmende Übergewicht und ernährungsbedingte Krankheiten bei Kindern. Doch anstatt aufzuhören, zuckrige Produkte wie den Windbeutel-Gewinner Milch-Schnitte wie eine sportlich-leichte Zwischenmahlzeit zu bewerben, beklagt Ferrero vor allem die angeblich mangelnde Bewegung bei Kindern – und zieht sich damit aus der Verantwortung. (…) Die Lebensmittelindustrie schiebt Sport- und Bewegungsprojekte gerne vor, um den Eindruck zu erwecken, sie engagiere sich bereits ausreichend gegen Übergewicht und ernährungsbedingte Krankheiten. Gleichzeitig blockiert sie mit massiver Lobbyarbeit wirklich wirksame Maßnahmen, wie etwa die Ampelkennzeichnung. Das allerdings taucht in keiner Hochglanz-Broschüre auf.“

Aufgetaucht ist hier allerdings wieder meine Lieblings-Un-These. Eine vermeintliche Wahrheit, die uns so lange erzählt wurde, bis wir sie verinnerlicht haben und – zur Freunde der Industrie – ganz selbstverständlich daran glauben:

DER GRUND FÜR DIE WACHSENDE ÜBERGEWICHTIGKEIT DER BEVÖLKERUNG IST MANGELNDE BEWEGUNG.

Möchte jetzt spontan jemand aufstehen und ausrufen „Nein, das ist falsch!“? Oder nicken wir alle eher etwas betreten und denken „Ja, stimmt schon, ich weiß, ich müsste mich mehr bewegen.“  Ich vermute, der Großteil hätte mit dem Kopf genickt. Aber wie kommen wir überhaupt dazu, so etwas seltsames zu denken?

Wenn das ganze nicht so fatal und unfassbar traurig wäre, müsste man der Lebensmittelindustrie eigentlich einen Orden für ihre effektive Arbeit verleihen. Über Jahre hat sie mit hartnäckigen PR-Kampagnen und Lobbyarbeit diese These in unser kollektives Bewusstsein gesät. Dort konnte sie durch stetiges kommunikatives Düngen keimen und ist zu einer stolzen und starken Pflanze herangewachsen, der kein Unkrautvernichter gewachsen ist.

Selbst von Ärzten und pädagogischen Fachkräften wird diese These häufig verbreitet: Ihr Kind ißt sehr gern? Dann muss es sich viel bewegen. Achten sie unbedingt auf ausreichend Bewegung. Sonst wird es übergewichtig.

Nicht dass wir uns an dieser Stelle falsch verstehen. Ich bin eine große Freundin von Bewegung – wir laufen mit der Familie oft mehrere Stunden, fahren nur selten Auto, erledigen viel zu Fuß und tragen unsere Lebenmittel-Einkäufe und selbst Möbelstücke von IKEA mit Hilfe unserer eigenen Muskelkraft nach Hause. Und nach einer Woche im Großraumbüro ist ein strammer Waldspaziergang für mich wie ein Wellnessurlaub. Bewegung hält den Körper geschmeidig und sorgt im besten Fall dafür, dass alle Muskelgruppen hin und wieder mal beansprucht werden. Es ist natürlich und schön, sich zu bewegen.

Aber das Bewegen des Körpers ist von einer natürlichen und notwendingen, machmal freudvollen und manchmal anstrengenden Sache zu einem artifiziellen Pflichtprogramm verkommen. Wir nähren unseren Körper nicht mehr, um ihn bewegen zu können, wir bewegen uns, um essen zu dürfen. Für 5 Minuten Treppensteigen darf man einen Apfel essen. 10 Minuten Joggen ist der Kaloriengegenwert von 1 Scheibe Käse (fettarm wahrscheinlich). Eine Menge Frauen und auch zunehmend Männer können eine ganze Liste solcher Umrechnungsformeln auswendig hersagen. Kohorten von Männern und Frauen pilgern jeden Abend ins Fitnessstudio und geben sich  innerhalb der exakt vorgeschriebenen Kardiogrenzen der Fettverbrennung hin. Hat heute Mittag jemand eine schlimme Currywurst mit Pommes gegessen? Das bedeuet wohl mindestens 60 Minuten längeres Training auf dem Stepper. So sieht die Rechnung für viele aus. Die Nahrung ist eine stetige Sünde, Anlass für eine ständig schlechtes Gewissen. So ergibt sich ein Teufelskreis aus Sünde, Reue und Ablass(turnen), den man in dieser Ausprägung eigentlich eher in religiösen Gefilden vermuten würde.

Dabei sitzen wir auch häufig Ideen auf, die eher ins Land der Mythen und Legenden gehören. Zum Beispiel wissen wir ja nun, dass heute weite Teile der Bevölkerung übergewichtig sind, weil sie sich nicht mehr genug bewegen. Die Menschen vor 200 Jahren dagegen haben sich alle sehr viel mehr bewegt und deshalb gab es diese Probleme damals nicht. Nun. Glauben wir wirklich, dass die Menschen vor 200 Jahren in ihren Holzpantinen ständig wie die Irren über Felder gerannt sind? War es wirklich so, das alle unserer Vorfahren einer körperlich sehr anstrengenden Arbeit nachgegangen sind, die wunderbarerweise alle Muskelgruppen gleichmäßig im Rahmen der optimalen Kardiozone beansprucht hat?

Im Gegenteil. Viele der hauswirtschaftlichen und handwerklichen Aufgaben mussten in stundenlanger Sitz- und Stillarbeit verrichtet werden. Und zwar ohne ein 6-fach verstellbares, ergonomisch-korrekt unterstützendes Sitzmöbel. Erinnern wir uns auch kurz daran, dass es für Damen quasi unmöglich war, ohne Korsett und zu Fuss auf die Straße zu gehen. Weibliche sportliche Betätigung kam einem Skandal gleich und wurde als überaus kapriziös bewertet. Gerade noch das ruhige Reiten war als Ausnahme statthaft. Die arbeitenden Frauen der unteren Klassen haben in ihrer spärlichen Freizeit sicherlich auch nicht die Röcke gerafft und sind eine Stunde durch den Stadtpark gejoggt. Trotzdem litten nicht weite Teile der Bevölkerung an Diabetes.

Nicht die Bewegung ist des Pudels Kern, sondern das Essen selbst. Die Nahrung war im Vergleich zu den restlichen Lebenshaltungskosten teuer, häufig sogar luxuriös. Die meisten Produkte waren nur saisonal verfügbar und sehr begrenzt haltbar oder mussten sehr aufwendig haltbar gemacht werden. Tiere wuchsen langsam, mussten mühsam gefüttert und gehegt werden und wurden nur hin und wieder geschlachtet. Fleisch und tierisches Fett waren daher kostspielig. Üppige Gerichte mit Kohlenhydraten und Fett wurden nur am Wochenende oder zu Feiertagen gereicht. Die Fastenzeit wurde streng beachtet und am Freitag gern einmal weniger üppig gegessen. Aber vor allem musste jede Speise aufwendig und von Hand hergestellt werden. Diese Mischung aus natürlich und ökonomischer Knappheit sowie totaler Kontrolle über die Zutaten und verwendeten Produkte sollten wir im Auge behalten, wenn wir über darüber spekulieren, warum es die sogenannten Zivilisationskrankheiten damals nicht gab.

Leider bleibt heute das Bewusstsein dafür, was wir eigentlich essen, häufig total auf der Strecke. Wir schauen auf die emotionale Story um das Produkt, auch auf das ansprechende Bild auf der Packung und übersehen, dass wir manipuliertes Fett, raffinierten Zucker, Auszüge aus Mehl, Stabilisatoren, Aromen, Schaumverhüter, Säuerungmittel und Hefe essen. Leider trägt der Geschmack der designten Lebensmittel nicht dazu bei, die Tarnung unmittelbar auffliegen zu lassen. Denn sie schmecken ja – irgendwie. Man kann häufig nicht sagen, wonach eigentlich genau. Aber sie bedienen einen Geschmackskorridor, der in seiner vermeintlichen Vielfältigkeit am Ende doch überraschend eindimensional bleibt. Immer irgendwie vertraut und daher gut, oft in scheinbar neuen und aufregenden Kombinationen. Dass dieses Spiel so weit geht, dass viele Menschen den Geruch und  Geschmack eines naturbelassenen Lebensmittels als zu schwach empfinden und die Intensität und Künstlichkeit von Erdbeeraroma oder im Labor hergestellten Schinkenduft als ansprechender einstufen, ist hinlänglich bekannt. Damit sitzen sie dann in der Convenience-Falle, die Ihnen nur volle geschmackliche Befriedigung erlaubt, wenn sie derlei Produkte oder Würzzusätze konsumieren. Sozusagen eine geschmackliche Konditionierung auf industriell voll ausproduzierte Ware, in der 0,3 % der Inhaltsstoffe den Namen und die Geschmacksrichtung eines Produktes ausmachen dürfen. Der Rest besteht dann aus Fett, Zucker, Hilfs- und Füllstoffen.

Aber wir haben die Kontrolle darüber aus der Hand gegeben. Wir konsumieren meist freudig, was uns die Industrie als gesund, richtig und zeitgemäß vorsetzt. Denn daran kann ja nichts falsch sein – das ist schließlich unser täglich Brot. Das essen ja alle. Dabei geht es bei weitem nicht nur um süße Kalorienbomben, die harmlos als sportlicher Snack oder vitaminreicher Energiespender präsentiert werden. Es handelt sich um Soßenpulver, die als Liebesbeweis für heimkehrende Kinder angerührt werden, um Fertigprodukte, die das Familienglück sichern oder um süße Riegel, die einem das wohl verdiente Päuschen im anstrengenden Tagesablauf verschaffen. Wer kann sich da langfristig schon wirklich widersetzen?

Jede Bestrebung, den Konsumenten einen einfachen und deutlichen Überblick über die in Nahrungsmitteln verwendeten Inhaltsstoffe zu ermöglichen, wurde von der Industrie bis jetzt vereitelt. Das einfache und effekive Ampelsystem wurde beispielsweise von Konzernseite sogar als Irreführung des Konsumenten bezeichnet  – und durch intensive Lobbyarbeit abgeschmettert. Dabei dürfte den Damen und Herren angesichts der Perspektive, dass auf 90% ihrer Lebensmittelverpackungen demnächst eine rote Ampel prangen könnte, ganz schön das Popöchen auf Grundeis gegangen sein.

So setzt uns die Industrie aber weiterhin Nahrung vor, die unter Effizienz- und Gewinnmaximierungsaspekten entwickelt wurde und voller leerer Kalorien steckt, stopft bis zum Gehtnichtmehr Zucker und andere Kohlenhydrate in uns hinein, erfindet dazu eine schöne verschleiernde Geschichte und schiebt die Verantwortung für die Folgen eiskalt an jeden einzelnen ab.

„Sie sind übergewichtig? Tja, also an unseren phantastischen und zeitgemäßen Produkten liegt das selbstverständlich nicht. Nein, vielmehr sind Sie ein undisziplinierter Mensch, der es offenbar nicht schafft, sich ausreichend zu bewegen. Das ist ganz allein ihr Fehler. Sehen sie mal, was wir hier für leckere fortschrittliche Gerichte haben. Sogar mit wenig Fett und Zucker, da kommen wir Ihnen speziell entgegen, sie Bündel an Fresssucht. Wenn sie danach dann unstillbaren Heißhunger auf Süßes verspüren und Ihnen bereits nach zwei Stunden wieder der Magen knurrt, haben wir da auch was im Angebot. Eine kleine leichte Zwischenmahlzeit zum Beispiel mit Verdauungsenzymen gegen Ihre dauernde Verstopfung. Die kommt übrigens auch von viel zu wenig Bewegung. Wenn Sie jeden Morgen 30 Minuten joggen, können Sie so viele von unseren Instantsuppen essen, wie sie wollen und es klappt doch mit der Verdauung.

Ach, und Sie da drüben. Haben Sie heute schon Ihrem Kind genug Liebe zukommen lassen? Haben Sie wirklich umfassend dafür gesorgt, dass dieser kleine, im Wachstum befindliche Körper alle Nährstoffe erhält, die er braucht? Wir hätten da noch eine leckere Milchmahlzeit, so wertvoll wie ein kleines Steak. Oder ein kleines Frühstückchen voller guter Sachen, morgens halb zehn in Deutschland …“

Weiter lesen: Bist du satt?